Tanzen macht Spaß und hält fit!

Interview von Frederik Jötten mit dem Musikkognitionsforscher Gunter Kreutz von der Universität Oldenburg. Bewegung: „Die Energie zum Tanzen ist unerschöpflich“
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SPIEGEL ONLINE: Welche positiven Effekte hat das Tanzen auf den einzelnen Menschen?

Kreutz: Tanzen ist erst einmal Bewegung – und Bewegung tut uns allen gut. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen an Übergewicht und Diabetes leiden, weil sie sich zu wenig körperlich betätigen.

SPIEGEL ONLINE: Geht die Wirkung über das schlichte Bewegen des Körpers hinaus?

Kreutz: Sicher. Das fängt schon damit an, dass es anders als beim Sport keine Trennung der Geschlechter und der Generationen gibt. Im Gegenteil, ist es ja gerade der Sinn der Sache, dass man die Geschlechter zusammenbringt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Tanzen bei der Partnerwahl?

Kreutz: Man kann potentiellen Partner vermitteln, welche körperlichen Qualitäten man hat. Koordination, Rhythmusgefühl, Schnelligkeit, das alles sind Faktoren, die beim Tanzen eine wichtige Rolle spielen. Auch wenn man überhaupt nicht im Sinn hat, mit irgendjemand etwas anzufangen, allein darzustellen, was möglich wäre, was man drauf hat, ist doch ein wesentlicher Aspekt der persönlichen, sozialen und sexuellen Identität – und deshalb wichtig für das Selbstbewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Jemand, der gut tanzt, kann einem leicht den Kopf verdrehen?

Kreutz: Zumindest haben wir in einer Studie mit Tango-Paaren festgestellt, dass bei beiden Tanzpartnern verstärkt das Sexualhormon Testosteron ausgeschüttet wird – welche Auswirkung das hat, können wir im Moment noch nicht sagen. Außerdem konnten wir nachweisen, dass bei Tangotänzern durch die Musik während des Tanzens die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel sinkt. Ohne Musik ändert sich im Cortisolgehalt dagegen wenig.

SPIEGEL ONLINE: Tanzen hilft also gegen Stress?

Kreutz: Ja, sich zu Musik zu bewegen, sei es nach Tanzschritten oder frei, wirkt entspannend und ist eine Wohltat für die Seele.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von einem klassischen Paartanz – hat das Tanzen in der Disco einen ähnlichen Effekt?

Kreutz: Die Studien, die es über die Wirkung des Tanzes auf Körper und Psyche gibt, wurden vor allem mit Paartänzern gemacht. Aber Tanzen in der Disco wirkt bestimmt ähnlich – Millionen von Discotänzern können nicht irren, wenn das Tanzen sie froh macht. Es hilft vielen Menschen, mit ihrem Alltagsstress besser umzugehen. Denn auch wenn man alleine tanzt, gibt einem die Bewegung im Rhythmus eine fast schon familiäre Geborgenheit. Paartänze und Volkstänze fordern mehr den Geist, weil die Bewegungen ja geplant sind, anders als beim freien Tanzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Tanzen auch einen langfristigen Effekt auf die Gesundheit?

Kreutz: In einer großen epidemiologischen Studie konnte gezeigt werden, dass Paartanzen das Demenzrisiko reduziert – und zwar um 76 Prozent, und damit weitaus besser wirkt als Kreuzworträtsellösen, 47 Prozent, und Lesen, 35 Prozent. Wir wissen, dass musizierende Kinder, ihre verbale Merkfähigkeit verbessern. Dieser positive Effekt gilt auch für Erwachsene. Anscheinend ist das Tanzen eine so komplexe Angelegenheit, das Motorik, Aufmerksamkeit, Langzeitgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis beansprucht. Es wird weit unterschätzt, wie viel Hirnkapazität das gemeinsame Tanzen in Anspruch nimmt.